Stadttheater Giessen
    Martialische Endzeitbarbaren lassen die Köpfe rollen

    Stadttheater eröffnet Musiktheaterspielzeit mit Reinhard Keisers Barockoper »Die großmütige Tomyris« – Minutenlanger Beifall vom Publikum

    Martialische Endzeitbarbaren lassen die Köpfe rollen


    Stadttheater eröffnet Musiktheaterspielzeit mit Reinhard Keisers Barockoper »Die großmütige Tomyris« – Minutenlanger Beifall vom Publikum

    Die Szenerie erinnert an Teil zwei und drei der Mad-Max-Trilogie. Die Erde ist zerstört, die Barbaren treten als martialische Endzeitkrieger auf den Plan und Königin Tomyris wirkt wie eine reduzierte Version von Tina Turner alias Aunty Entity – nur Mad Max mischt nicht mit.
    Die Premiere von Reinhard Keisers barocker Opernrarität »Die großmütige Tomyris« (Uraufführung: 1717) wurde am Sonntagabend im Stadttheater mit minutenlangem Beifall bedacht. Regisseur Roman Hovenbitzer hat dem staubigen Stoff zur Eröffnung der Musiktheaterspielzeit neues Leben eingehaucht, in dem er Querverweise einbaute und einigen der dunklen Charaktere ein Quäntchen Humor mit auf den steinigen Weg gab. Herausgekommen ist ein stimmiges Stück Oper, das vom ausverkauften Haus gefeiert wurde.
    Die Aufführung verfügt gleich über drei Stars: Der erste ist das Bühnenbild von Lukas Noll, der den Zuschauer in ein zerfallenes Theater mit demolierten Logen entführt. Der Rumpf eines offenbar abgestürzten Düsenflugzeugs samt Tragfläche ruht in der düsteren Szenerie; die in die Bühne ragende und verschiebbare Tragfläche dient als Aktionsraum – auf ihr wird stolziert, deklamiert, gefeiert und gemordet. Hinzu kommen transparente Vorhänge, hinter denen sich die Träume der Tomyris abspielen und die mit den »realen« Szenen vor dem Vorhang an der Rampe korrespondieren – eine gelungene Idee, die von Star Nummer zwei perfekt in Szene gesetzt wird: dem Licht.
    Manfred Wende leuchtet die Bühne während der gut zweieinhalbstündigen Aufführung im besten Sinne theatralisch aus. Er setzt Akzente – mal  fein, mal mit Ausrufezeichen. Die Kostüme von Bernhard Niechotz mit ihren kriegerischen Black-Metal- und Gladiatoren-Accessoires kommen so gut zur Geltung.
    Star Nummer drei war am Sonntag das Philharmonische Orchester Gießen. Unter der Leitung von Barockspezialist Michael Schneider atmete Keisers luftige Partitur den Geist ihrer Zeit, das 25-köpfige Ensemble spielte intensiv, der Dirigent hielt das Tempo straff. Keiser hat die Orchesterbegleitung vieler Arien nicht als Tutti, sondern kammermusikalisch angelegt: Der famose Gottfried Köll an der Oboe verdient für seine Interpretationen ebenso Lob wie Carol Brown für ihr elegantes Querflötenspiel.
    Das volle Klangbild (mit zu lautem Cembalo) resultierte aus dem auf halber Höhe stehenden Orchestergraben. Fürs Basso continuo hatte Schneider das Ensemble Animus mit Cembalo, Laute und Barockcello engagiert. Kleines musikalisches Problem am Rande, das bei der Aufführung kein Gewicht hatte: Weil die Barockinstrumente einen halben Ton tiefer gestimmt sind als ihre modernen Pendants, musste das Animus-Trio seine Instrumente anpassen und beim Cembalo etwa das gesamte Manual einen Halbton weiter nach rechts rücken.
    Das Publikum feierte am Ende Orchester und Darsteller, allen voran den gut disponierten Gastsänger Christian Zenker in der Rolle des Tigranes. Sein lyrischer Tenor verfügt über genügend Dampf, um auch energische Partien zu bewältigen, ergreifend sein Duett mit Carla Maffioletti als Meroe. Die Koloratursopranistin machte eine glänzende Figur. Sie sang eine Idee farbiger als die ebenfalls bestens aufgelegte Odilia Vandercruysse als Tomyris. Vander-cruysse hatte mit der Hauptrolle ein enormes Pensum zu bewältigen, das sie mutig in Angriff nahm. Die junge Belgierin hat sich in den beiden vergangenen Jahren in Gießen zu einer geschmeidigen Sopranistin entwickelt, auch wenn ausufernde Koloraturen ihre Sache nicht sind.
    Dem Vortrag beider Sängerinnen mangelte es in den Rezitativen an Textverständlichkeit; das konnten die Männer besser. Matthias Ludwig etwa, der als König von Damaskus einen beeindruckenden Barbarenführer gab. Sein Bariton ist stets sauber geführt und verfügt über Strahlkraft, die der seines Gefährten, König Policares (Patrick Henckens), in nichts nachstand. Im Gegenteil: Selten kommt es vor, dass ein Mitglied des Hauses den Gastsänger überragt – Ludwig gelang am Sonntag dieses kleine Kunststück.
    Alexander Herzog als Meroes Vertrauter hatte den humoristischen Part zu bestreiten, was dem fülligen Tenor im Geparden-Outfit gelang. Tomi Wendt schwebte als Götterbote vom Schnürboden herab, eingewickelt in ein babyblaues Tuch, mit musealen Hausschlappen an den Füßen. Ebenfalls für Lacher sorgte Chi Kyung Kim als Jupiter mit Herrgottsbart, der basstönend vom Himmel herniederstieg und in Tomyris’ Traum     Alles-wird-gut-Glitter über die Bühne streute – gleichwohl endet die Geschichte tragisch: Meroe und Tigranes werden enthauptet.
    Vom Schnürboden »flogen« weitere Protagonisten herbei, dargestellt von Mitgliedern der Tanzcompagnie – allen voran die elastische Svende Obrocki. Auch als herumtollende Barbaren sorgte die Tanzcrew (Einstudierung: Tarek Assam) für Bewegung auf der Bühne. Müßig zu erwähnen, dass der vorbildliche Chor des Stadttheaters unter seinem Leiter Jan Hoffmann als Barbarenbande überzeugte. Pyrotechnisches, ein Kopfloser im wörtlichen Sinn – es fließt weniger Blut als bei der »Orestie« – und ein Bühnenvorhang aus Holz, vor dem am Schluss agiert wird, runden das Spektakel ab. Selten hat eine Barockoper so viel zeitgenössischen Esprit erfahren und diesen so gut vertragen wie jetzt am Stadttheater. Chapeau! Gießener Allgemeine Zeitung, Manfred Merz, 21.September 2010